Fantasy-Schreibforum
 
PortalStartseiteFAQAnmeldenLogin

Austausch | 
 

 Das Sagen der Sarah Canary

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach unten 
AutorNachricht
Xhex
Admin
Admin
avatar

Anzahl der Beiträge : 4105
Punkte : 5639
Bewertungssystem : 28
Anmeldedatum : 23.02.11
Alter : 46
Ort : Limburg

BeitragThema: Das Sagen der Sarah Canary   21.01.13 13:47


Ich bin auf der seite von Netzwort.de auf einen sehr interessanten Beitrag aufmerksam geworden und dachte mir, ich stelle ihn uns mal hier im Forum ein, da er wirklich nützlich und ganz sicher auch hilfreich ost. Und ich spreche da wirklich aus Erfahrung ... lach.


Das Sagen der Sarah Canary


Vorab: Es ist kein schlechtes Buch. »Das Geheimnis der Sarah Canary« ist eine interessante Geschichte, die schön aufgeschrieben ist – und doch müssen wir reden.

Es geht um die kuriose Eigenart der Autorin Karen Joy Fowler (oder der Übersetzerin Uda Strätling)1, das Wort »sagen« sehr hartnäckig immer genau dann zu vermeiden, wenn jemand etwas sagt: Sobald eine Figur sich in wörtlicher Rede ins Geschehen mischt, kann man sicher sein, daß sie vielleicht etwas meint oder findet oder bemerkt oder etwas zu bedenken gibt oder erklärt oder jemandem etwas eröffnet oder sich sonst irgendwie äußert – aber niemals etwas sagt.

Fast niemals. Dies sind die Redebeschreibungen aus den ersten beiden Kapiteln, die unmittelbar eine Äußerung einleiten oder abschließen:

hatte versichert ...
(... und hinzugefügt)
eröffnete
spekulierte
fand
mahnte
befahl
mäkelte
rief
erklärte
gab zu bedenken
wollte glauben machen
sagten
beschwichtigte
warf ein
verriet
gab zu bedenken
hielt entgegen
meinte
teilte mit
sagte2
versuchte
herrschte an
drängte
flehte an
schrie
bat
wiederholte
erklärte
schimpfte
meinte
rief
meinte
stellte vor
bemerkte
versuchte zu erklären
versicherte
meinte rief
verkündete
plapperte nach
befahl
sagte
spottete
drohte
überlegte
sagte
beteuerte
bemerkte
fragte
eröffnete
erklärte
sagte
fuhr fort
gab zu bedenken
erklärte
bestätigte
fragte
meinte
fügte hinzu
erinnerte
versicherte
stimmte zu
willigte ein
begann
wandte ein
räumte ein
sagte
meinte
verlangte
gab zu
sagte
stimmte zu
fragte
fragte erwiderte
bat
sinnierte
warf vor
versicherte
rief
sagte
schärfte ein
sagte
grüßte
fiel ein
sagte
stellte vor
bestätigte
teilte mit
gab zu
fragte
ergänzte
stellte richtig
stellte fest
sagte
teilte mit
bemerkte
beteuerte
sagte
rief
teilte mit
tönte
verkündete
sagte
meinte
versicherte
befahl
rief
raunte
eröffnete
sagte

Erschütternd. 111-mal wird gesagt, daß jemand etwas sagt, und ganze 14-mal sagt jemand etwas. Das (also: nichts zu sagen) ist dann in Ordnung, wenn es um die Art der Artikulation geht, also jemand schreit oder flüstert. Nicht in Ordnung ist es in fast allen anderen Fällen. Offenbar glaubt Karen Joy Fowler (oder Uda Strätling), »sagen« sei zu banal und zu einfalls- und phantasielos. Leider stimmt das ungefähr überhaupt nicht. Man hat in einer Geschichte sehr viele Gelegenheiten, Kreativität und Wortschatz auszuloten; an dieser Stelle sollte man es lassen. »Sagen« ist großartig.

Gutes Argument eins
Abgesehen von den erwähnten Artikulationsbeschreibungen (»rief«, »flüsterte«) haben Erläuterungen der wörtlichen Rede nicht zuletzt einen Zweck: deutlich zu machen, wer gerade etwas sagt. Im Verlauf langer Dialoge oder bei zahlreichen Unterbrechungen und Wiederaufnahmen der Rede geht schon mal der Überblick verloren. Das »sagen« dient einfach dazu, den Namen des Sprechers flüssig einzubinden. Je unauffälliger, desto flüssiger. Und unauffällig ist das banale, vertraute »sagen«; man erfaßt es sofort und weiß, wer dran ist; nichts stört den Lesefluß. Unvertraute Synonyme halten auf – und bringen nichts. Außer Ärger.

Gutes Argument zwei
Denn Leser denken. Wenn eine Figur sagt: »Komm' sofort her!«, dann erkennen sie den Imperativ und das Ausrufezeichen und denken bei sich: ein Befehl. Steht da nun weiter: »... befahl Erwin«, dann wundern sie sich, denn sie wußten es schon. Sie ärgern sich, daß der Autor es für nötig hält, ihnen das noch einmal erklären zu müssen. Auch in weniger offensichtlichen Fällen vermittelt sich sehr vieles über die (subtilere) Wortwahl und/oder über den Kontext. Szenen und Bilder und Situationen wirken viel stärker, wenn sie im Kopf entstehen, als wenn sie ständig erklärt werden. So stellt sich schnell der Verdacht ein, der Autor traue seinem eigenen Text nicht – oder den Lesern. Unschön ist beides.
Natürlich kann eine solche Dopplung (eine Art Prosa-Pleonasmus) gelegentlich auch bewußt und als Verstärker eingesetzt sein. Nichts spricht dagegen. Ärgerlich ist sie dann, wenn sie die Regel ist.

Gutes Argument drei
Aber beschreiben viele Verben das Redegeschehen nicht viel plastischer als »sagen« es kann? Machen sie den Text nicht lebendiger – bringen also sehr wohl etwas? Nein, tun sie nicht. Im Gegenteil: Sie sind schwache Zusammenfassungen dessen, was einen Text lebendig macht. Die Faustregel »Lieber beschreiben als benennen« gilt an dieser Stelle wie überall sonst.
»Sie war wütend.« Das ist kurz und klar und treffend – aber nicht annähernd so stark wie eine die Beschreibung einer Frau mit leicht zuckenden Wangen, starrem Blick und die Stuhllehne umklammernden Händen und weißwerdenden Fingerknöcheln.
»... mahnte er.« Das ist kurz und klar und treffend – aber nicht annähernd so stark wie ein simples »sagen« und (zum Beispiel) eine gut beschriebene kleine Geste. Lieber beschreiben als benennen.

*

Im Einzelfall, gerade bei Beispielen wie in den Argumenten zwei und drei, kann man natürlich immer diskutieren; vieles ist dann Geschmackssache. Klar ist: Nicht jedes Nicht»sagen« stört den Lesefluß, verkauft die Leser für dumm und raubt dem Text die Atmosphäre. Aber sehr viele eben doch. Je öfter sie auftauchen, desto mehr verstärken sich in ihrer negativen Wirkung gegenseitig; auch ein eigentlich harmloses oder sogar gutes Synonym wirkt inmitten der konstruierten und nervigen dann auch nur noch konstruiert und nervig.

Immer und überall schlecht aber sind »sagen«-Synonyme, die nichts anderes als andere Wörter sind: eröffnen, mitteilen, finden, (sich) erklären, meinen, verkünden, etc. Jedes kann man durch »sagen« ersetzen, und kein einziges Mal würde der Text dadurch schlechter, aber fast jedes einzelne Mal besser.

Daß dem durchaus so ist, zeigen zwei ziemlich willkürlich (!) dem Regal entnommene Beispiele; es wurde einzig darauf geachtet, zwischen anerkannt schreibbegabten Menschen zu wählen. In den ersten beiden Kapiteln von Ian McEwans »Abbitte« wird folgendermaßen wörtlich geredet:

sagte3
rief zu
sagte
erklärte
fragte
verkündete4
fragte gab klein bei
verkündete
sagte
erwiderte
antwortete
meinte
sagte
meinte
sagte
flötete sagte
erklärte
sagte
sagte
sagte
sagte
erwiderte
sagte
sagte

Wir sehen: Sehr viel hatte man dort noch nicht zu besprechen, aber wenn, dann »sagte« man im Schnitt fast jedes zweite Mal etwas; insgesamt nicht viel seltener als bei den ungleich häufigeren Gelegenheiten in »Sarah Canary«.

Mehr zu bereden hat man von Beginn an im »Schloß« von Franz Kafka, dessen erstes Kapitel auch wesentlich länger ist als jene in den beiden anderen Büchern, weshalb das zweite nicht mit aufgeführt wird.

sagte
sagte
sagte
fragte
fragte
sagte
fragte
sagte
rief
fragte
rief
sagte
hörte fragen
sagte
schrie
sagte
sagte
sagte
sagte
sagte
sagte
sagte
sagte
fragte
sagte
sagte
sagte
flüsterte
sagte
sagte
sagte
sagte
sagte sagte
fragte
sagte
fragte
fragte
wiederholte
sagte
fragte
sagte
fragte
sagte
fügte hinzu
holte daraus das Recht zu fragen
sagte
sagte
sagte
sagte
sagte
rief
sagte
sagte
fragte
sagte
sagte
sagte
sagte
sagte
sagte
sagte
fragte
sagte
rief
sagte sagte
sagte
rief
rief
rief
schrie
hörte sagen
sagte
fragte
sagte
sagte
wendete ein
sagte
sagte
sagte
sagte
sagte
sagte
sagte
sagte
sagte
sagte
sagte
sagte
sagte
sagte
sagte
sagte
fragte
wiederholte
rief
rief
fragte

Sagen, sagen, sagen. Auch sehr dicht hintereinander gelegentlich; man sagt etwas, und kaum daß eine neue Zeile begonnen hat, wird schon wieder gesagt. Über Franz Kafka wiederum kann man gewiß vieles sagen – daß er phantasie- und einfallslos, oder einfach ein schlechter Autor gewesen sei, sicher nicht.

Eines aber kann man sehr wohl sagen: Sagen ist gut.


1) Ob das im englischen Original ebenso ist oder eine Idee der Übersetzerin war, lassen wir der Bequemlichkeit halber außen vor, da es für die Angelegenheit als solche ohnehin keine Rolle spielt.
2) nicht im Zusammenhang mit wörtlicher, sondern indirekter Rede in einer Rückblende
3) auch eher indirekte Rede
4) nicht unmittelbar, sondern erst im nächsten Satz


Quelle: [Sie müssen registriert oder eingeloggt sein, um diesen Link sehen zu können]

_________________
Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Kunst und Wissenschaft steht. Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen. ~ Albert Einstein.
Nach oben Nach unten
http://stefaniefoitzik.jimdo.com/
Wolfsspur
Admin
Admin
avatar

Anzahl der Beiträge : 2367
Punkte : 3070
Bewertungssystem : 36
Anmeldedatum : 05.03.13
Alter : 42

BeitragThema: Re: Das Sagen der Sarah Canary   06.03.13 23:39

Nützlich? Höre ich da gerade die Ankündigung eines Massensterbens von anderen Inquit- Formeln heraus? affraid
Bitte nicht! Nicht wegen eines Artikels! Ich habe schon zugesehen, wie solche Artikel ihre zerstörerische Macht entfalten im Stil eines anderen. Bloß nicht!

Also werfe ich mich mal mutig vor dieses Schwert! Argumentiere mal leidenschaftlich dagegen, um alle anderen Worte zu retten. Ich möchte hier aber keinesfalls den Wert des sagte schmälern, es ist ein nettes, ein gutes Wort, richtig eingesetzt auch ein kraftvolles Wort, sogar ein privilegiertes, keineswegs vom Aussterben bedrohtes, aber in der Tat auch des öfteren sträflich missachtetes, aber eben nur ein Wort, eins unter vielen. Und hat, wie alle anderen Wörter, sich seinen Platz in einem Satz zu verdienen, durch Funktion und Klang, als die Beste aller Lösungen für diese Geschichte, diesen einen Charakter, diesen Schriftsteller.

Hmm, was halte ich von einem Argument, das keines ist. Sagte, macht einen Text besser, weil es ihn ... besser macht... Aha. Leute esst Brötchen, die sind super. Warum, weil Getreide drin ist und alle anderen Brotsorten sind zu anders, zu bunt, zu hart zu kauen. Vielfalt braucht kein Mensch ...
Einstein hat auch nur Brötchen gegessen, willst du Einstein sein, dann also los ...


Zitat :
Erschütternd. 111-mal wird gesagt, daß jemand etwas sagt, und ganze 14-mal sagt jemand etwas.
Und hat damit immer noch den Spitzenplatz, oder?
Zitat :
Das (also: nichts zu sagen) ist dann in Ordnung, wenn es um die Art der Artikulation geht, also jemand schreit oder flüstert.
Warum? Warum ist Lautstärke nicht durch die wörtliche Rede selbst darstellbar, alles andere aber schon?
Ganz abgesehen davon, dass man auch ganz ohne Inquitformeln auskommen kann und trotzdem alles schreiben.

Zitat :
Nicht in Ordnung ist es in fast allen anderen Fällen.
Gut gesagt, denn es spricht das menschliche schlechte Gewissen an, natürlich will man nichts tun, was nicht in Ordnung ist. Allein fehlt eine nachvollziehbare inhaltliche Begründung. Das fast ist clever, fällt dem eingeschüchterten Leser nun doch eine Ausnahme ein, ist es eben eine Ausnahme.

Zitat :
Offenbar glaubt Karen Joy Fowler (oder Uda Strätling), »sagen« sei zu banal und zu einfalls- und phantasielos. Leider stimmt das ungefähr überhaupt nicht.
Autorin und/oder der Übersetzerin zu unterstellen, sie hätte etwas gegen das Wort sagen (oder impliziert gar, gegen Leute, die es verwenden) ist aus der Luft gegriffen und frech. Statt offenbar, wäre vielleicht allerhöchstens ein vielleicht angebracht gewesen.
Das leider spricht wieder die Gefühle der angehenden Autorinnen und Autoren an, die sich in der Regel viel Mühe geben einfallsreich und phantasiereich zu schreiben und innerhalb dieses Prozesses eben beginnen das sagte zu ersetzen. Dann kommt leider ungefähr überhaupt kein Argument. Und dann wird sich auch noch widersprochen.
Zitat :
Man hat in einer Geschichte sehr viele Gelegenheiten, Kreativität und Wortschatz auszuloten; an dieser Stelle sollte man es lassen. »Sagen« ist großartig.
Denn er sagt eben selbst, dass man hier Kreativität und Wortschatz ausloten sein lassen soll und statt dessen das Wort sagen verwenden. Und unten bezeichnet er es selbst als banal. Also was nun? Sagen ist großartig. Dass der Verfasser in das Wort verliebt ist, habe ich verstanden und Grundvoraussetzung für eben jenen Autor, es in eigenen Texten zu verwenden und damit glücklich zu werden. Ein Argument, andere Autoren zu dieser Stilentscheidung zu bringen, ist das nicht. Lassen wir mal Wikipedia der Einfachheit halber zu Wort kommen:

Ein Argument (lateinisch argumentum „eigentlich: Veranschaulichung, Darstellung; übertragen: Beweisgrund, Beweismittel”[1]) ist eine Aussage, die zur Begründung oder zur Widerlegung einer Behauptung gebraucht wird.

Argumente können andere Menschen von der Richtigkeit oder Falschheit einer Behauptung überzeugen. Sie sind ein wesentliches Mittel im Bereich der Wissenschaft, der Kritik, der Diskussion und des Dialoges.

Eine Verknüpfung von mehreren Argumenten ist eine Argumentation. Wenn diese geprüft und gegeneinander abgewogen werden, handelt es sich um eine Erörterung.


Also schauen wir mal:


Zitat :
Gutes Argument eins
Abgesehen von den erwähnten Artikulationsbeschreibungen (»rief«, »flüsterte«)
er bezieht sich nur auf die Lautstärke Artikulation ist so viel mehr.

Zitat :
haben Erläuterungen der wörtlichen Rede nicht zuletzt einen Zweck: deutlich zu machen, wer gerade etwas sagt. Im Verlauf langer Dialoge oder bei zahlreichen Unterbrechungen und Wiederaufnahmen der Rede geht schon mal der Überblick verloren. Das »sagen« dient einfach dazu, den Namen des Sprechers flüssig einzubinden. Je unauffälliger, desto flüssiger. Und unauffällig ist das banale, vertraute »sagen«; man erfaßt es sofort und weiß, wer dran ist; nichts stört den Lesefluß.
Nur weil man selbst ein Argument, als gut betitelt, ist es das noch nicht.
Er schreibt, sie haben nicht zuletzt den Zweck, deutlich zu machen wer spricht. Ja, nicht zuletzt vielleicht, aber eben auch nicht zuallererst scheint mir. Ein literarischer Text ist keine Gebrauchsanweisung oder eine Dialoganweisung, sondern auch ein Klangkunstwerk. Ob das sagte noch so geschmeidig im Text verschwindet, wenn man es uns 111 mal um die Ohren haut, wage ich zu bezweifeln. Und ich kann den selben Text, den er wählte als Gegenargument verwenden.
Einen Kafkatext als gutes Beispiel zu wählen ist ... gewagt. Monotonie, Ausweglosigkeit und das Fehlen tieferer menschlicher Beziehungen unter denen die Figuren oft geradezu sprachlos leiden, sind Kafkas Themen. Ja, für ein solches Buch ist sagen das richtige Wort, weil die Figuren eben auch nur Dinge sagen und so eine Gefühlsvielfalt, wie wohl im ersten Text angestrebt, nicht besitzen. Das ist das Thema, kein Stilstatement an sich.
Der Inhalt sollte die Form bestimmen, nicht irgendeine, sei sie auch noch so leidenschaftlich vorgetragene selbstgebastelte oder in Schreibbüchern gefundene Regel. Zudem wird Kafka zwar hochgelobt, aber keinesfalls außerhalb der Schullektüre noch millionenfach verkauft oder gar gelesen. (Nicht falsch verstehen, ich liebe Kafka, allerdings nur seine Tagebücher und Fragmente) Wie sieht es mit ersterer Autorin aus?
Obwohl ich so ein Argument gar nicht verwenden mag. Eigener Stil ist das Zauberwort, sonst könnte man sich ja einen Autor von Weltklasse aussuchen und ihn kopieren, wenn Stilentscheidungen nix mit einem selbst und dem eigenen Text zu tun haben sollen.

Zitat :
Unvertraute Synonyme halten auf – und bringen nichts. Außer Ärger.
Oder eine Bereicherung meines Wortschatzes, das ich persönlich sehr liebe. Ich lasse mich gerne vom Kontext zum verstehen verführen und schlage sogar gerne nach. Denn mit einem solchen Misstrauen gegenüber unvertrauten Worten, wäre wohl kaum einer über Mama und Baba hinausgekommen. Warum die Furcht vor Unvertrautem? Weil der Leser heute nicht mehr denken mag? Weil es schnell gehen muss? Man sollte sich also in einem Text nicht aufhalten? Da ich mich gerne in Texten aufhalte, sie lebe, halte ich das für ein Gerücht.

Zitat :
Gutes Argument zwei
Denn Leser denken. Wenn eine Figur sagt: »Komm' sofort her!«, dann erkennen sie den Imperativ und das Ausrufezeichen und denken bei sich: ein Befehl. Steht da nun weiter: »... befahl Erwin«, dann wundern sie sich, denn sie wußten es schon. Sie ärgern sich, daß der Autor es für nötig hält, ihnen das noch einmal erklären zu müssen.
Nun, gutes Argument, jedoch nicht für das sagte, denn wie veräppelt muss ich mir vorkommen, wenn mir der Autor beständig an den Kopf schmeißt, dass seine Figuren etwas sagen können. Das leisten außerdem die Anführungsstriche, noch banaler und noch unsichtbarer.
Und warum muss der Erwin, dass denn nur Befehlen? Er könnte es mit sich überschlagender Fistelstimme brüllen, er könnte es knurren, zischen, wiederholen, vor dem Spiegel üben, verzweifelt kieksen. Ich kenne Erwin nicht, oder die Situation, aber ich traue einem Autor durchaus zu etwas wichtigeres über die Art der Artikulation zu sagen zu haben, als dass er einen Befehl ausspricht.
Zitat :
Auch in weniger offensichtlichen Fällen vermittelt sich sehr vieles über die (subtilere) Wortwahl und/oder über den Kontext. Szenen und Bilder und Situationen wirken viel stärker, wenn sie im Kopf entstehen, als wenn sie ständig erklärt werden. So stellt sich schnell der Verdacht ein, der Autor traue seinem eigenen Text nicht – oder den Lesern. Unschön ist beides.
Unschön durchaus, wieder gut gewählt um angehende Schriftsteller so richtig ins Bockshorn zu jagen. Aber wie kann man so urteilen, ohne den Inhalt zu kennen? Und so sehr das Wort Kopfkino dem Schreiber schon vertraut ist und wir als visuelle Dauerverbraucher auch in unserer Sprache von Bildern sprechen, so erklärt sich jede Vorstellung, die im Kopf entsteht, einzig aus Worten. Dem entkommt man nie. 27 Buchstaben (geschätzt), ein paar Satzzeichen, mehr nicht. Kein Pinsel, keine Digitalkamera, nix. Also was ist gemeint mit direkt! im Kopf entstehen? Es spricht den Wunsch vieler Autoren an, aber mit einem sagte um des sagtes willen, kommen sie diesem metaphorischen Ziel wohl kaum automatisch näher, wie hier suggeriert.

Zitat :
Natürlich kann eine solche Dopplung (eine Art Prosa-Pleonasmus) gelegentlich auch bewußt und als Verstärker eingesetzt sein. Nichts spricht dagegen. Ärgerlich ist sie dann, wenn sie die Regel ist.
Solange man sich auf ! Sätze beschränkt, mag das stimmen. Aber beim Rest. Verschiedene Figuren können das selbe in einer ganz anderen Färbung sagen. Wäre das niedergeschriebene Wort so eindeutig, gäbe es zum Beispiel in Foren keine Missverständnisse. Es gibt sie aber massenhaft und statt der verbindlichen Einführung einer Inquitformel-Pflicht, wurde hier aber auf den Smiley ausgewichen und siehe da, auch dieser hat sich unendlich erweitert und ist nicht beim "sagte"- simpel lächelnden Smiley geblieben. Inquit-Formel kommt zwar vom lateinischen er sagte, aber in jedem Sprachbuch wird die Vielfalt betont. Wir haben uns eben seit den Reden Roms weiterentwickelt. Es spricht nichts dagegen, sich zu beschränken, wenn man meint, es tut der Geschichte und dem eigenen Stil gut. Aber so eine buchstäblich inhaltsleere Verweigerung, ist so arm, wie nur sagte im Repertoire zu haben.

Zitat :
Gutes Argument drei
Aber beschreiben viele Verben das Redegeschehen nicht viel plastischer als »sagen« es kann? Machen sie den Text nicht lebendiger – bringen also sehr wohl etwas? Nein, tun sie nicht. Im Gegenteil: Sie sind schwache Zusammenfassungen dessen, was einen Text lebendig macht. Die Faustregel »Lieber beschreiben als benennen« gilt an dieser Stelle wie überall sonst.
Ein Argument das "sagte" zur Gänze wegzulassen, denn es ist immer erklärend. Statt dessen kann man immer einen anderen Weg wählen, den Sprecher zu kennzeichnen.
Hier zeigt sich aber auch, dass dieser Text eine Übersetzung ist. Lieber beschreiben als benennen, kann man kaum eine gute Übersetzung von Show don't tell nennen. Eher Zeigen nicht erzählen.
Zitat :
»Sie war wütend.« Das ist kurz und klar und treffend – aber nicht annähernd so stark wie eine die Beschreibung einer Frau mit leicht zuckenden Wangen, starrem Blick und die Stuhllehne umklammernden Händen und weißwerdenden Fingerknöcheln.
Genau das ist mein Hauptargument gegen diese Beispiele, die dann gerne umgesetzt werden, aus allen Figuren werden dann Teletubbis auf Ecstasy, weil jedes Gefühl vom Körper wild zappelnd ausgeführt wird. Die meisten Menschen haben aber gelernt ein wenig subtiler mit ihren Gefühlen umzugehen, ich kann stinkwütend sein, ohne zu zucken und Möbel zu erwürgen und das gestehe ich auch meinen Figuren zu. Dann ist Sie war wütend, keine Beschreibung, sondern ein Gedanke in der personalen Perspektive, ein Gedanke, der vielleicht nur der Figur allein und dem Leser gehört. Ganz ohne Wutausbruch, vielleicht lächelt sie sogar dabei und küsst jemanden. Es wird nie einen Kontrast zwischen Innenleben und Handeln geben, wenn man sich an diese Merkwürdige Einstellung zu Herzen nimmt. Ja, es gibt Texte, die an Beschreibungen ersticken, aber das kann man relativ leicht retten, indem man hier und da ergänzt und etwas hinzufügt. noch mal schaut was passiert und es dem Leser zeigt. Dieser Rat jedoch verändert das Wesen der Figuren, er macht sie unbeherrscht, immer dabei ihre Gefühle in die Welt rauszuschleudern. Das ist mehr als den Stil eines Schriftstellers in ein Korsett zu stecken, das ändert die Geschichten selbst und beschränkt die Charaktere. Und das sollte kein Rat der Welt tun!


Zitat :
»... mahnte er.« Das ist kurz und klar und treffend – aber nicht annähernd so stark wie ein simples »sagen« und (zum Beispiel) eine gut beschriebene kleine Geste. Lieber beschreiben als benennen.
Schlechtes Gewissen produziert dann Was? Erhobener Zeigefinger und gehobenen Augenbrauen. Besser? Ja, es ist gut, sich zu überlegen, wie sieht meine Figur aus, wenn sie mahnt? Und was meint dieser Wort in diesem Augenblick eigentlich genau? Aber weder braucht es das sagte, noch eine Geste, wenn die Geschichte es nicht braucht und man den Focus auf etwas anderes gelegt hat, wenn einem zum Beispiel die Erwiderung auf diese Mahnung einer Nebenfigur weit wichtiger ist, als die Mahnung selbst. Dann ist das mahnte genau richtig dort : kurz und klar und treffend.

*
Zitat :

Im Einzelfall, gerade bei Beispielen wie in den Argumenten zwei und drei, kann man natürlich immer diskutieren; vieles ist dann Geschmackssache. Klar ist: Nicht jedes Nicht»sagen« stört den Lesefluß, verkauft die Leser für dumm und raubt dem Text die Atmosphäre. Aber sehr viele eben doch. Je öfter sie auftauchen, desto mehr verstärken sich in ihrer negativen Wirkung gegenseitig; auch ein eigentlich harmloses oder sogar gutes Synonym wirkt inmitten der konstruierten und nervigen dann auch nur noch konstruiert und nervig.
nun kommt er für mein dafürhalten einem Argument schon näher. Nur, warum sollte dieses sagenumwogene sagte, die Ausnahme, der Ausnahmen sein?


Zitat :
Immer und überall schlecht aber sind »sagen«-Synonyme, die nichts anderes als andere Wörter sind: eröffnen, mitteilen, finden, (sich) erklären, meinen, verkünden, etc. Jedes kann man durch »sagen« ersetzen, und kein einziges Mal würde der Text dadurch schlechter, aber fast jedes einzelne Mal besser.
Nichts anderes als andere Wörter, was für ein Satz aus dem Munde eines Schriftstellers, Klang spielt wieder keine Rolle, Textmelodie. Und gut zu wissen, dass verkünden und erklären das selbe sind. Und es keine Rolle für den Charakter spielt, ob er zum Beispiel, etwas mitteilt oder findet. Kein Unterschied im Sprachniveau, Herkunft, emotionaler Verfassung?Und sich erklären ist ein Synonym für einen Heiratsantrag, da wirds dann richtig eng fürs sagte. Eine ziemlich grobe Beziehung zur Sprache, möchte ich mitteilen. Oder find ich das nur, wenn ichs weiß, werde ich es eröffnen.
Und warum nimmt man dem sagte seine eigene Bedeutung, wenn jemand etwas sagt, sollte das genauso bedeutungsvoll sein, wie wenn jemand etwas flüstert oder schreit oder mitteilt. Sagen kann so etwas ruhig, bestimmtes haben, melancholisches ... gemeines, wundervolles, wenn man es nur da einsetzt, wo es passt und nicht inflationär wie Wegwerftaschentücher (um auch mal emotional zu tricksen).


Zitat :
Daß dem durchaus so ist, zeigen zwei ziemlich willkürlich (!) dem Regal entnommene Beispiele; es wurde einzig darauf geachtet, zwischen anerkannt schreibbegabten Menschen zu wählen. In den ersten beiden Kapiteln von Ian McEwans »Abbitte« wird folgendermaßen wörtlich geredet:
Ich kenne Ian McEwan nicht und ich würde ihn auch so nie kennenlernen. Diese Reihen von sagte, mögen etwas sagen, mir sagt es nichts. Nichts vom Inhalt, Stil oder des gekonnten Einsatzes eines Wortes, dass er so wichtig findet, dass er es allen vorgezogen wissen möchte.
Also da ist mir zuvieles ungesagt geblieben, so dass ich diesen Artikel ins Reich der Sagen geschoben wissen möchte.

So nun gehts mir besser!
Ich hoffe, mein Gezeter konnte das ein oder andere Wort retten, das seinen Platz verdient hat. Ob wohl überlegt oder aus purer Zuneigung.
Und natürlich hoffe ich auf Ergänzungen und Widerspruch, denn eines ist doch sicher: sagte und alle seine näheren und entfernteren Verwandte sind wichtige Träger der Geschichte auf dem Weg ins Hirn der Leser. Sie sollten hart umkämpft sein.

Danke für den Artikel Xhex!


Liebe Grüße
Wolfsspur
Nach oben Nach unten
Xhex
Admin
Admin
avatar

Anzahl der Beiträge : 4105
Punkte : 5639
Bewertungssystem : 28
Anmeldedatum : 23.02.11
Alter : 46
Ort : Limburg

BeitragThema: Re: Das Sagen der Sarah Canary   07.03.13 6:36


Ich finde es klasse, wie du dich hier für das Überleben aller andere Worte einsetzt und wie du sicher von meinen eigenen Geschichten und Kapiteln weißt, arbeite auch ich eisern für dass Überleben aller anderen Worte. Ich will nicht wissen, wie oft bei mir ein anderer Begriff als "sagte" steht. Twisted Evil Wenn ich sie alle durchzäheln würde, ich glaube das Wort "sagte" wäre auch in der Minderheit.

Dennoch fand ich den Artikel interessant und dachte mir, ich stelle ihn hier mal ein. Ehrlich gesagt war ich da auch auf die Reaktionen von euch gespannt. Schön, dass du in so ausführlicher Form deine Meinung zu diesem Artikel geäußert hast. Very Happy

Liebe Grüße
Xhex

_________________
Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Kunst und Wissenschaft steht. Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen. ~ Albert Einstein.
Nach oben Nach unten
http://stefaniefoitzik.jimdo.com/
Gesponserte Inhalte




BeitragThema: Re: Das Sagen der Sarah Canary   

Nach oben Nach unten
 
Das Sagen der Sarah Canary
Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach oben 
Seite 1 von 1
 Ähnliche Themen
-
» Sarah Kuttner - Mängelexemplar
» Kann mir jemand sagen was die Marken Wert haben???
» Lauren Oliver - Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie
» Einfach mal danke sagen
» [Schauspieler] Sarah Danielle Goldberg/Cheryl Logan (JP3)

Befugnisse in diesem ForumSie können in diesem Forum nicht antworten
Das Fantasy-Schreibforum :: Handwerksgasse :: Grundlagen zum Schreiben-
Gehe zu: