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 Der wackere Bürgermeister Lynch – eine wahre Schauergeschichte aus Galway

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BeitragThema: Der wackere Bürgermeister Lynch – eine wahre Schauergeschichte aus Galway   30.03.17 19:59


Der wackere Bürgermeister Lynch – eine wahre Schauergeschichte aus Galway


Nach einer faszinierenden, fast tausendjährigen Geschichte, die in manchen Vierteln und Gäßchen noch gegenwärtig scheint, hat sich die einst blühenden Handelsmetropole Galway in eine quirlige Studentenstadt verwandelt. Man sieht keine Patrizier mehr, die in kostbaren Gewändern ihre Windhunde spazierenführen, keine Bürgersfrauen, die sich um Körbe mit flämischer Spitze, Schleiern, Flügelhauben und Federfächern drängen, keine spanischen Granden in Hoftracht, portugiesiche Matrosen, hanseatische und flandrische Kaufleute in pelzverbrämten Mänteln, keine florentinischen Dandies in zweifarbigen Beinkleidern, und der eher bescheidene Hafen ist auch längst kein schier undurchdringlicher Wald von Segeln und Takelagen mehr, kein Kaleidoskop aus Farben, Eindrücken, Gerüchen, wie noch im 15. und 16. Jahrhundert. Christopher Kolumbus war entzückt von Galway, das er mindestens zweimal besuchte, von seiner Gastfreundschaft und seinen Geschichten. Tausendundeine solcher Geschichten aus vielen Jahrhunderten hängen hier in der Luft und werden immer noch erzählt. Das ist einer der Gründe dafür, warum Galway zu einem Anziehungspunkt für Dichter und Schriftsteller wurde: Schon der Epigrammatiker und Übersetzer von Ariosts `Orlando Furioso´, Sir John Harington (1560 – 1612) schätzte das Ambiente. W.B. Yeats, John Millington Synge, George Bernhard Shaw, John Masefield, Sean O´Casey, George Moore … In Coole Park, nur wenige Meilen entfernt, wo früher Lady Gregory ein stattliches Herrenhaus besaß, zu dem eine weitgeschwungene Zedernallee führte, haben sie und andere Künstler ihre Namen in den Stamm einer großen Blutbuche eingraviert, die allein schon den Ausflug in die verwunschenen Parkanlagen lohnt.

In den Straßen und Gassen stieß man vor dem Jahre 1650, als `Black´ Oliver Cromwell die Stadt niederbrennen ließ, immer wieder auf vornehme, palastartige Patrizierhäuser. Diese Häuser des Kaufmannsadels, so heißt es in einem Brief, waren „meet lodgings for Kings and Princes“, würdige Unterkünfte für Könige und Prinzen. Für Ehrengäste, etwa den Vizekönig Sir William Russell, wurden sogenannte `masques´ veranstaltet, große Maskenbälle mit Musik, Tanz und Feuerwerk, wie man sie auch am englischen Hof kaum prachtvoller feierte. An Festtagen und zu besonderen Anlässen, wie der Wahl des Bürgermeisters, gab es Umzüge, sportliche Wettkämpfe und Turniere, und alle Häuser waren mit Kränzen aus grünen Zweigen und Blumen geschmückt. Als besonderes Datum galt der 6. Dezember, der Nikolaustag, denn St. Nicholaus von Myra, nach dem auch die Kathedrale benannt ist, war als Heiliger aller See- und Handelsleute Schutzpatron der Stadt. Es herrschte ein solcher Pomp und Luxus, dass der Stadtrat „ungebührliche Prasserei und Tanz auf den Strassen“ mit einer Geldbuße belegte. Kein Wunder, daß Geschäftsleute aus aller Welt gern einen Abstecher hierher machten, eben auch Christopher Kolumbus, der 1477 an einer Messe in der St. Nicholaus Kirche teilnahm und, sagt man, in Galway auf den Gedanken verfiel, den westlichen Seeweg nach Indien zu entdecken.

Natürlich spielte der Hafen, verglichen etwa mit Hamburg oder Venedig, im Welthandel nur eine bescheidene Nebenrolle. Aber er war ein Anziehungspunkt für Karavellen, Karacken und Galeonen, für Seeleute und Reisende aus aller Herren Ländern. Es gab zwar noch kein Guinness, aber man kannte bereits sechzehn Sorten Bier, trank ausgiebig Whiskey, vor allem aber spanischen Rotwein, der großzügig eingeführt und in allen Tavernen ausgeschenkt wurde.

Lynch´s Castle, heute die Niederlassung einer Bank, gehört zu den letzten Relikten einer Zeit, in der Galways reiche Reeder und Handelsherren noch in solchen eindrucksvollen Stadtpalästen lebten und sich gegenseitig durch die Pracht der Fassaden zu überbieten suchten. An der Außenseite prangten ihre in Stein gemeißelten Wappen – Kaufmannswappen, die sie wie der Adel selbstbewußt zur Schau stellten. Das der Lynchs: drei dreiblättrige Kleeblätter (Symbole der Dreifaltigkeit) auf azurenem Grund, unterteilt von zu einer Pyramide zulaufenden Balken; darüber thront das Wappentier, der Luchs (lynx), Motto: Semper fidelis (Allzeit getreu). Das Ganze war einmal bunt bemalt, himmelblau, rot und gelb. Direkt daneben das Wappen König Heinrichs VII., dem englischen König, auf den sich das Semper fidelis bezog.

Das graue Gebäude, Ausdruck von Standesdünkel und Loyalität, hat vier Stockwerke. Im Erdgeschoß befand sich wahrscheinlich ein zur Straße hin offenes Warenhaus und Geschäftskontor. Den ersten Stock nahmen großzügige, repräsentative, eichengetäfelte Empfangsräume ein – hier fanden Ratsversammlungen, Bürgermeisterwahlen aber auch Bankette für ausländische Handelspartner und Gesandte statt.

Im zweiten und dritten lagen Wohn und Gästezimmer, sowie, als Anbau, der Speisesaal und die Küche. Unter dem Dach gab es noch genug Raum für Vorratsspeicher.

Erinnert Sie der Name Lynch an etwas? Lynchjustiz? Der Begriff, wie er heute verstanden wird, leitet sich in der Tat von einem Nachfahren der Lynchs aus Galway ab, einem Captain William Lynch (1742-1820) aus Pittsylvania, Virginia, der als Richter gern schon mal auf Verdacht Todesurteile aussprach und viele Unschuldige aufhängen ließ. Vor dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg traf sich eine geheime Bürgermiliz, die `Regulatoren´, regelmäßig am Lynche´s Creek in Süd-Carolina, um dort ihre Schnellgerichte abzuhalten, genau wie in den Westernfilmen, mit der baumelnden Schlinge am Ast und dem Pferd, dem man auf das Zeichen eines der Maskierten hin einen Klaps gab…

Die Bezeichnung `Lynchjustiz´ ist jedoch wesentlich älter, hatte einst eine etwas andere Bedeutung und steht in direktem Zusammenhang mit dem gerade beschriebenen Patrizierhaus. Der genaue Hergang der Tragödie, die sich hier einst wirklich ereignete, ist nur wenigen bekannt. Ich bin in James Hardiman´s The History of the Town and County of the Town of Galway (1820) darauf gestossen, einem Folianten, den mir vor Jahren der Buchhändler Kenny aus der High Street auslieh. Hier ist sie also, die gar schauerliche Geschichte vom Bürgermeister Lynch:

„James Lynch Fitz Stephen, ein wohlhabender Kaufmann und einer der bedeutendsten Bürger von Galway, wurde im Jahre 1493 zum Bürgermeister gewählt; zu einer Zeit, da zwischen der Stadt und einigen Teilen Spaniens regelmäßige und freundschaftliche Beziehungen herrschten. Dieser Bürgermeister, der sich seit seiner Jugend für das Gemeinwohl eingesetzt hatte und daher hohes Ansehen genoß, förderte zu allen Gelegenheiten die Handelskontakte, die sich für die Bürger wie für die Spanier als so gewinnbringend erwiesen; und um sie noch zu vertiefen, begab er sich selbst auf eine Reise nach Cadiz, wo er im Hause eines reichen und respektablen Handelsherren namens Gomez mit größter Gastfreundschaft empfangen wurde… Um nun den glücklichen Aufenthalt und die vielen Annehmlichkeiten bei Signor Gomez zu entgelten, trat er vor der Rückkehr in die Heimat mit der Bitte an seinen Gastgeber heran, er möge doch seinen einzigen Sohn, einen Jüngling von neunzehn Jahren, mit ihm nach Irland fahren lassen, versprach auch, während seines Aufenthaltes wie ein Vater auf ihn achtzugeben und dafür zu sorgen, daß er wohlbehalten wieder nach Spanien gelange, wann immer er dies wünsche.

Der junge Gomez, wegen seiner Anmut, Erziehung und edler Gesinnung der Stolz seiner Eltern und Verwandten, war hochbeglückt über die Gelegenheit, etwas von der Welt zu sehen, und so nahm der Signor das Angebot seines Geschäftsfreundes mit Freuden an. Sie brachen also gemeinsam auf und erreichten nach einer ruhigen Schiffspassage die Bucht von Galway. Lynch stellte den jungen Fremdling sogleich seiner Familie vor, die ihn mit einer Offenherzigkeit und Gastlichkeit aufnahm, wie sie seit jeher für das Temperament der Iren charakteristisch gewesen sind. Insbesondere vertraute er ihm als Gefährten seinen ebenfalls einzigen Sohn Walter an, der nur ein oder zwei Jahre älter als Gomez war. Wie dieser galt Walter als einer der vielversprechendsten Jünglinge im ganzen Lande, besaß ein angenehmes Äußeres, Geist, Esprit und sanfte Umgangsformen, was vor allem die heiratsfähigen Mädchen für ihn einnahm. Stattlich, hochgewachsen, kraftvoll und von der Natur mit den besten Gaben ausgestattet, hatte er jedoch ein sehr empfindliches Ehrgefühl, war jähzornig und neigte zu allerlei tollkühnen und verwegenen Streichen. Auch genoß er die allgemeine Bewunderung und Achtung, die ihm entgegengebracht wurde, und war anfällig für Schmeicheleien.

Wie viele junge Menschen, denen scheinbar alles in den Schoß fällt, führte er einen leichtfertigen Lebenswandel, der seinen Vater, der selbst ein Musterbeispiel an Tugend war, oft tief bekümmerte. Jener hoffte daher, daß der Umgang mit dem gebildeten und sittsamen Spanier einen wohltuenden Einfluß auf den Sohn ausüben werde; zudem hatte er herausgefunden, daß Walter ein schönes und ehrbares Mädchen aus gutem Hause liebte und sich mit ihr verloben wollte. Sie war die Tochter eines der reichsten und geachtetsten Handelsherren aus der Nachbarschaft; somit stand einer Verbindung nichts im Wege. Alles schien dazu angetan, Walters Ungestüm zu bändigen und ihn von seinen Jugendtorheiten abzubringen.

Dieser würdige Ratsherr dachte im Jahr seiner Rückkehr von Spanien nicht im Traume daran, daß die Ehre seines Hauses und seiner Stadt je durch irgendetwas befleckt werden könne. Das Amt des Bürgermeisters war damals von größter Bedeutung: er trug die Verantwortung für Wohlfahrt und Sicherheit der Gemeinde.

Zur Sorge bestand ja auch kein Anlaß. Die beiden jungen Männer vertrugen sich prächtig und lebten wie Brüder zusammen.

In Lynch’s Castle wurden häufig Bälle und Gesellschaften gegeben, sowohl zu Ehren des Gastes, als auch, um Walters Verlobung mit der schönen Agnes einzuleiten, an der beiden Familien sehr gelegen war. An einem jener festlichen Bankette jedoch geschah es, daß der Sohn des Hauses bemerkte – oder sich einbildete, es zu bemerken, wie das bei Liebenden oft der Fall ist – wie der Blick seiner Angebeteten voller Entzücken auf dem Fremdling aus Spanien ruhte. Außer sich über diese Entdeckung, machte ihn der bloße Gedanke daran rasend, und sobald er und Agnes sich einen Augenblick allein befanden, fragte er sie nicht etwa, ob sein Argwohn begründet sei, sondern beschimpfte sie in übelster Weise wegen ihrer vermeintlichen Untreue. Agnes, zutiefst erschrocken und verletzt über diese unerwarteten und ungeheuerlichen Vorwürfe des Geliebten, sah blass zu Boden und brachte kein Wort hervor… Obwohl einander herzlich zugetan, ließ er sich von Eifersucht, sie sich von ihrem Stolz hinreißen: er schalt sie eine Dirne, sie strafte ihn mit Verachtung. So gingen sie im Zorn auseinander; sie, um sich weinend in ihre Kammer zurückzuziehen, er aber, in seinem Wahn bestätigt, der ihm wie ein wildes Feuer im Busen tobte, um auf Rache zu sinnen.

Indeß, schon in der folgenden Nacht überkam ihn Reue für seine Unbeherrschtheit, und er begab sich zum Haus der Geliebten, sie um Verzeihung zu bitten, wagte es aber dann doch nicht, zu so später Stunde zu läuten, sondern strich ziellos und einsam um das Gebäude herum, in der Hoffnung, sie werde an eines der erleuchteten Fenster kommen. Nun wollte es ein böser Zufall, daß just in diesem Augenblick der junge Gomez aus der Tür auf die dunkle Straße trat.

So schienen die schlimmsten Befürchtungen des eifersüchtigen Liebhabers mit einem Schlag Gewißheit. Gomez hatte in der Tat den Abend dort verbracht, jedoch keineswegs, um Agnes den Hof zu machen, sondern auf Einladung ihres Vaters, welcher seine Sprache fließend beherrschte und dankbar für jede Gelegenheit war, beim Schachspiel auf Spanisch Konversation zu treiben. Von blinder Wut gepackt, ging Walter dem vermeintlichen Nebenbuhler nach, der, beunruhigt über eine Stimme, die er nicht erkannte, die Flucht vor ihm ergriff.

In den engen Straßen und Gassen verlor er bald die Orientierung und gelangte schließlich in ein abgelegenes Stadtviertel nahe am Hafen; doch kurz bevor er den Kai erreichte, hatte ihn sein wahnsinniger und grausamer Verfolger eingeholt, stieß ihm den Dolch durchs Herz und warf den blutüberströmten Leichnam ins Wasser.

Noch in der gleichen Nacht wurde das unschuldige Opfer von der Flut an den Strand zurückgespült, wo man es entdeckte und in dem Toten Gomez, den Gast des Bürgermeisters erkannte.

Kaum hatte der Mörder die Untat begangen – so sagte er später vor Gericht aus – als er auch schon vor sich selbst erschrak und von Reue und Scham ergriffen wurde. Doch Furcht, oder eher jener Selbsterhaltungstrieb, der sich auch dann noch regt, wenn wir nicht länger am Leben hängen, hetzte ihn vom Schauplatz des Verbrechens fort in einen nahegelegenen Wald … Von Verzweiflung übermannt, schrie er laut und wälzte sich auf der Erde – und als der Morgen graute hatte er einen Entschluß gefaßt. Er wollte für die Tat, die er nun nicht mehr ungeschehen machen konnte, zuwenigstens büßen und sich dem Gesetz unterwerfen. Mit diesem Vorsatz stand er auf und wanderte zur Stadt zurück, als er unterwegs eine große Menschenmenge sah, die auf ihn zukam und in deren Mitte er entsetzt seinen Vater zu Pferde erkannte, begleitet von Konstablern und Soldaten.

Als man die Leiche des Spaniers fand, war offensichtlich, daß er mit einem Dolch erstochen worden war, den man in der Nähe fand; Gomez‘ eigener Dolch steckte noch in der Scheide an seinem Gürtel.

Auch deutete ein weißer, mit Federn geschmückter Hut, der von Fischern nahe dem Strand aus dem Wasser gefischt wurde – an einer Stelle unfern des Weges, der in das bewußte Wäldchen führte – darauf hin, daß der Mörder in diese Richtung geflohen war. Sein Opfer hatte ein Samtbarrett getragen, das neben ihm lag.

Hätte der unglückliche Verbrecher die Tat leugnen wollen, so verriet ihn allein schon sein Anblick: er wirkte verstört, war aschfahl, zitterte am ganzen Leibe, und seine Kleidung war mit Schmutz und Blut besudelt. Doch vor versammelter Menge gab er den Mord ohne Umschweife, wenngleich mit stockender Stimme zu, erklärte, daß ihn Raserei dazu getrieben habe, flehte den Himmel um Vergebung an und bat, ins Gefängnis geführt zu werden.

Wer beschreibt die Gefühle des Vaters, die er in diesen Augenblicken empfand? Obwohl sonst ein Mann von beispielloser Haltung und Stärke, war ihm anzumerken, daß er nur mit Mühe um Fassung rang. Er wußte nur zu gut um die schrecklichen Konsequenzen, die dem Sohn drohten, wenn man seinem Wunsch entsprach und das Gesetz seinen Lauf nahm – und daß ihn selbst, schrak er vor seiner Pflicht zurück, öffentliche Schande erwartete. Als Bürgermeister besaß er Macht über Leben und Tod, und er erinnerte sich an einen früheren Fall, bei dem er diese Autorität mit unerbittlicher Strenge ausgeübt hatte. Aber wenn er auch erkannte, daß nun Unheil über ihn und die Seinen kommen mußte, opferte er alle persönlichen Erwägungen seiner Gerechtigkeitsliebe und befahl der Stadtwache, den Gefangenen in Gewahrsam zu nehmen. Die Soldaten gehorchten nach einigem Zögern, und so zog die düstere Prozession in die Stadt zurück. Dort hatte sich die Nachricht bereits wie ein Lauffeuer verbreitet und die Menschen auf die Straßen gelockt. Es herrschte ein solches Gedränge, daß Lynch und seine Eskorte – in ihrer Mitte der unselige Martin in Fesseln – kaum vorankam.

Wahrlich ein sonderbares und unerhörtes Schauspiel! Überraschung, Mitleid und Schrecken stand auf allen Gesichtern geschrieben. Einige fühlten Bewunderung und Mitgefühl für ihren tapferen und aufrechten Bürgermeister, während viele der unteren Klassen den Jüngling bedauerten und laute Seufzer und Klagen über sein Schicksal erhoben. Schon der allgemeine Tumult trug die furchtbare Neuigkeit bis zur Familie des Handelsherren, und die Gerüchte waren schlimm genug; der größte Schock aber, die Gewißheit, stand ihr erst noch bevor, denn das Stadtgefängnis befand sich ihrem Hause direkt gegenüber. Walters Mutter und Schwester blickten in banger Vorahnung aus dem Fenster, und da sahen sie den Unglücklichen auch bereits, wie er barhäuptig, totenblass, mit gebundenen Händen und von Piken und Helebarden umringt, herangeführt wurde. Ihre Schreie und Ohnmachten bedeuteten eine weitere Prüfung für die Standhaftigkeit des Vaters… Wenn Worte fehlen, den plötzlichen und gewaltigen Schicksalsschlag zu beschreiben, der eine bislang glückliche und hochgeachtete Familie erschütterte, so reichen sie noch weniger für die Verzweiflung, in die er die zarte und an Allem unschuldige Agnes stürzte.

Im Verlauf nur weniger Tage erlebte eine kleine Stadt im Westen Irlands, damals mit einer Bevölkerung von nicht mehr als dreitausend Bürgern, ein Ereignis, für das es in der gesamten Menschheitsgeschichte wohl nur ein oder zwei ähnliche Beispiele gab: ein Vater, der wie Lucius Junius Brutus, über seinen eigenen Sohn zu Gericht sitzt und ihn ebenso wie jener zum Tode verurteilt, um dem öffentlichen Frieden und der Gerechtigkeit zu dienen. Die Beweisaufnahme war rasch abgeschlossen: der junge Mann legte ein volles Geständnis ab, das durch die Begleitumstände der Tat erhärtet wurde, sein Vater verkündete bei der abschließenden, öffentlichen Verhandlung das Todesurteil, worauf man den Angeklagten in seine Zelle zurückbrachte.. Kaum aber hatte sich die Nachricht vom Ausgang des Prozesses herumgesprochen, als auch schon riesige Menschenmassen zum Gefängnis strömten; anfangs gab man sich noch mit Protesten gegen das Urteil und kleineren Auseiandersetzungen mit den Wachen zufrieden, doch dann geriet die Situation immer mehr außer Kontrolle. Einzig die schnell herbeigerufene Stadtmiliz konnte mit Waffengewalt die Menge davon zurückhalten, das Gefängnis zu stürmen; die Volkswut richtete sich sogar gegen das Haus des Bürgermeisters, das mit Steinen beworfen wurde. Die Unruhen breiteten sich noch weiter aus, als man erfuhr, daß der Gefangene nun selbst Wert auf seine Rettung legte. Dies entsprach wohl auch der Wahrheit, denn mit seiner Ernüchterung kehrte die Liebe zur schönen Agnes zurück. Der Gedanke, für immer von der Liebsten scheiden zu müssen kam ihm unerträglich vor, und er lernte den Wert des Lebens schätzen, das er im Affekt einem harmlosen Fremden geraubt hatte. Es gelang den Milizen unter gewaltigen Anstrengungen, die Menge fürs erste zu zerstreuen, die vor allem dadurch etwas beruhigt werden konnte, daß man das Gerücht verbreitete, der Gefangene würde sicher begnadigt. Davon waren in der Tat viele überzeugt. Männer von hohem Rang und Einfluß sprachen im Hause des Bürgermeisters vor, hierzu seine Einwilligung zu erlangen; seine Verwandten und Freunde ersuchten ihn ernsthaft, nicht das Blut des Sohnes zu vergießen; doch weder Bitten noch Vorhaltungen vermochten den obersten Richter von seinem Schiedsspruch abzubringen… Nichts konnte auf ihn einwirken, weder die gefährlichen Unruhen in den Straßen, noch der Schandfleck, der mit der Vollstreckung des Urteils auf seinem Namen und dem seiner Nachkommen lasten würde, noch die Gebete und Tränen seiner Familie, die auf den Knien um das Leben des Sohnes und Bruders bat, noch die Verzweiflung des armen Mädchens, das er schon ins Herz geschlossen hatte und das Walter noch immer liebte, noch auch die härteste Probe, sein eigenes, zerrissenes, väterliches Herz… Mit heldenhaftem Mut stieg er in der Nacht in den Kerker hinab, in dem sein Sohn lag, nicht allein, um ihm mitzuteilen, daß er am folgenden Morgen hingerichtet werde, sondern auch, die Nacht mit ihm zu wachen, um jede Möglichkeit eines Ausbruchs zu verhindern… Er betrat, eine Lampe haltend und in Begleitung eines Priesters (dem wir die Schilde-rung des nun Folgenden verdanken) die Gefängniszelle, deren Tür er sorgfältig wieder hinter sich verschloß. Dann setzte er sich schweigend in eine Nische der Mauer; den Schlüssel umklammerte er mit eiserner Faust. Walter kroch auf Händen und Füßen näher und fragte ihn… ob es noch eine Hoffnung für ihn gebe. „Nein, mein Sohn“, antwortete er, „dein Leben ist dem Gesetz anheimgefallen, und bei Sonnenaufgang mußt du sterben. Ich habe stets für dein Glück und Wohlergehen gebetet… Wäre es nicht ausgerechnet mir als dem Bürgermeister dieser Stadt auferlegt gewesen, dein Richter zu sein, hätte ich manch eine Träne über das Unglück meines Kindes vergießen dürfen, ja sogar um Gnade für dich bitten können, obwohl du das schlimmste aller Verbrechen, einen Mord begangen hast. Aber sterben mußt du, und sieh her, hier, an diesem Ort, weine ich darüber in der Dunkelheit. Wenn du zu hoffen wagst, flehe deinen Schöpfer an, daß er dir vergebe, was ich dir hienieden nicht vergeben darf. Ich bin mit einem Priester zu dir gekommen, damit wir gemeinsam zu Gott beten, er möge dir Kraft geben, deine Strafe mit Fassung zu tragen.“ Darauf bat er, wie aus Angst, am Ende doch noch weich zu werden und die schwere Aufgabe zu vergessen, die zu erfüllen er sich vorgenommen, den Prediger, seine Pflicht zu tun. Sie knieten nieder und gaben dem Gefangenen den kirchlichen Segen, um ihn zu stärken und auf den Tod vorzubereiten. Der junge Mann schien allmählich Trost durch ihre Worte zu empfangen; er stimmte inbrünstig in das Gebet mit ein, seufzte von Zeit zu Zeit aus vollem Herzen und sprach kein Wort mehr über weltliche Dinge. So verging die Nacht mit Anrufungen Gottes um Gnade und langem Schweigen dazwischen, wenn die Müdigkeit sie übermannte.

Schließlich, bei Tagesanbruch, gab man den Wachen draußen das vereinbarte Zeichen, sich bereit zu halten. Der Vater erhob sich und half dem Scharfrichter dabei, die Eisen zu lösen, die seinen unglücklichen Sohn noch immer banden; dann schloß er die Kerkertür auf und gebot ihm, sich zwischen ihn und den Priester zu stellen und auf einen Arm von jedem zu stützen. So stiegen sie, flankiert von Soldaten, eine Treppenflucht hinauf und über einen Gang in Richtung der Straße, wo sie eine starke Eskorte erwartete, um sie zum Richtplatz am äußeren östlichen Ende der Stadt zu geleiten.

Die Schlußszene der Qualen des Vaters und des Sohnes schien nun näherzurücken; aber es erwartete sie noch eine härtere Prüfung… Die Verwandten des unglücklichen Todeskandidaten stürzten, kaum waren sie ins Freie getreten, auf sie zu, umringten sie und beschworen den Bürgermeister abermals eindringlich und leidenschaftlich, den Verurteilten freizugeben.

Die Mutter, deren Mädchenname Blake war, wandte sich in ihrer Verzweiflung hilfesuchend an die Männer ihrer eigenen Familie, die sie zuletzt bewegen konnte, Walter beizustehen – um der Ehre ihres Namens willen und der Schmach, die seine Hinrichtung über sie alle bringen würde. Sie bewaffneten sich, ihn aus dem Kerker zu befreien. Inzwischen hatten sich gewaltige Menschenmassen um das Gefängnis versammelt, die laut seine Begnadigung forderten und den Bürgermeister mit dem Tode bedrohten, wenn er ihn nicht herausgäbe. Vergebens ermahnte er sie, Ruhe zu bewahren und den Gang des Gesetzes nicht zu behindern. Sogar die Soldaten und Milizen wurden durch die Tragik der Umstände so sehr von Rührung ergriffen, daß sie nicht länger in der Lage oder bereit waren, ihre Pflicht zu erfüllen und die Leute von ihrem wohlmeinenden, doch gesetzlosen Vorhaben abzuhalten. Ihre Schutzwall aus Piken und Helebarden wankte; es bildeten sich immer mehr Lücken, durch die der Mob in Horden hindurchbrach und auf das Gebäude eindrang. Nun gab es kein Durchkommen mehr: die Exekution war undurchführbar geworden.

Doch nachdem er so lange Tränen, Gebeten, Drohungen und dem Widerstreit seiner eigenen Gefühle standgehalten hatte, wollte dieser tugendhafte, unglückliche und tapfere Vater auch jetzt nicht vor einer Übermacht weichen, noch kümmerte ihn die Gefahr für Leib und Leben. In einem verzweifelten und schier unglaublichen Versuch, das furchtbare Opfer zu bringen, das er dem Altar der Gerechtigkeit dazubringen geschworen hatte, nahm er seinen Sohn bei der Hand, zog ihn zurück in das Gebäude und eine Wendeltreppe empor, die zu einem Bogenfenster führte. Jenes Fenster ging zur Straße hinaus, auf der die tobende Menge brodelte; dort zeigte er sich und seinen Sohn dem Volk. Um dessen Hals hatte er nun die Schlinge gelegt, mit der zuvor seine Hände gebunden waren. Das andere Ende befestigte er an einem eisernen Haken in der Außenmauer und sagte „Du hast nur noch ein kurze Weile zu leben, mein Sohn; nutze den Augenblick, dich mit Gott auszusöhnen – und umarme ein letztes Mal deinen armen Vater.“

Dann drückte er ihn fest an sich – und schleuderte ihn in die Ewigkeit! Nach wenigen Momenten war alles vorüber. Obwohl er gewärtig sein mußte, sogleich dem rasenden Zorn des Pöbels zum Opfer zu fallen, blieb er aufrecht und gefaßt am Fenster stehen, zufrieden in dem Bewußtsein, seine Pflicht gegenüber Gott, den Menschen und seinem Land getan zu haben – nur auf sein Gewissen hörend, und völlig gleichgültig, ob man ihn dafür lobte oder tadelte. Doch die Bürger Galways waren nach diesem Akt der Größe wie gelähmt; eine tiefe Stille breitete sich über den Platz, und in aller Herzen blieb nur ein Gefühl der Bewunderung und der Trauer. Zuletzt gingen sie langsam und nachdenklich in ihre Häuser zurück..

Es heißt, daß Agnes, die unschuldig diese Tragödie auslöste, bald darauf an Kummer starb, und daß der Vater ihres Liebsten sich bis ans Ende seiner Tage von den Menschen zurückzog und nie mehr gesehen wurde, außer von seiner trauernden Familie. Im Volksmund hieß die Lombard Street, wo sich sein Haus befindet, das heute noch steht, seither „Die Straße des toten Mannes“ (Dead-man’s-lane).

Die Meinungen werden gewiß geteilt sein, was die Grausamkeit und Unmensch-lichkeit des Vaters betrifft; doch wenige werden die Gerechtigkeit des Richters und des Urteils in Zweifel ziehen. Noch wird es nach einem so eindrucksvollen Beispiel der Rechtssprechung in Galway, welches sich auch auf das Ansehen seiner Bürger auswirkte, überraschen, daß die Stadt weiterhin bei allen Ländern, mit denen sie Handel trieb, in bestem Rufe stand.“

In Kirchen sind Darstellungen von Nixen höchst selten, und es ist daher bemerkenswert, daß von zehn in Irland bekannten, in Stein gemeißelten Meermädchen vier sich in Galway befinden. In der christlichen Bildsprache stehen sie, wie die sheela-na-gigs, symbolisch für Sexualität, die dunkle, lockende Seite des Weiblichen, die Todsünde der Wollust und die Gefahren von Triebhaftigkeit und Leidenschaft. In diesem Zusammenhang ist eine Entdeckung interessant, die ich an der Außenmauer der St. Nicholas Collegiate Church gemacht habe. Eine der merrows ist in Verbindung mit einem bestimmten Wappen dargestellt, dem Wappen der Familie Lynch, das, wie beschrieben, auch an der Außenmauer von Lynch´s Castle zu sehen ist. Diese Allegorie der Wollust warnt offenbar vor dem Schicksal Walter Lynchs, der sich aus Leidenschaft und Eifersucht dazu hinreißen ließ, einen Unschuldigen zu töten. Das Meermädchen mit den kleinen Brüsten und dem Fischschwanz wurde um 1500 geschaffen, kurz nachdem sich die Tragödie ereignete.

Der Gerechtigkeitsfanatiker `Mayor´ James Lynch Fitz Stephen spendete damals herrliche Kirchenfenster, deren künstlerische Vollendung von vielen Zeitgenossen bewundert wurde – und die von Cromwells Puritanern zerstört wurden. Sein Grab befindet sich im Inneren der Kathedrale, in der Ecke des südlichen Querschiffs, das heißt, was die Äxte und Helebarden der anglikanischen Bilderstürmer davon übrig gelassen haben. Obwohl es keine Inschrift trägt, läßt es sich leicht anhand des Wappens mit den drei dreiblättrigen Kleeblättern identifizieren. Flankiert wure es einst von zwei steinernen Engelsfiguren, denen die `Roundheads´ die Gesichter zerschmetterten. Sollte es Sie mal nach Galway verschlagen – und das ist eine Empfehlung, die Sie sicher nicht bereuen werden – lohnt ein Besuch der Kirche. Sie finden dort etwa das Grabmal der Jane Eyre, deren Name Charlotte Bronte für die Titelheldin ihres berühmten Romans inspirierte; den steinernen Sarkophag des Tempelritters Adam Bure, das seltsame Fabelwesen Marticora mit seinem Skorpionsstachel über der Kanzel – und eben jene `Engel ohne Gesicht´, die an die Geschichte des Bürgermeisters Lynch erinnern.



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