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 Wie laut sind Romane?

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Xhex
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BeitragThema: Wie laut sind Romane?   04.08.15 14:05

Bin eben über einen interessanten Artikel von Jürgen Kaube bei der FAZ gestolpert und wollte euch den nicht vorenthalten.mr.green


Sagte, schrie, brüllte er: Wie laut sind Romane?


In der Literatur geht es nie geräuschlos zu. Jetzt wurde die Lautstärke der Romane genau vermessen.


Glockenhall, Glockenschwall, supra urbem, über der ganzen Stadt, in ihren von Klang erfüllten Lüften!“ So beginnt Thomas Manns „Der Erwählte“, um eine ganze Seite lang das Geläut in Rom zu beschreiben und dann zu fragen, wer hier läutet. Nicht die Glöckner, lautet die Antwort, die seien nämlich auch auf die Straße hinausgelaufen, um zu hören. Es läute vielmehr, heißt es ironisch, „der Geist der Erzählung“.

Lässt sich dieser Geist erforschen? Der amerikanische Literaturwissenschaftler Holst Katsma hat gerade die womöglich erste Untersuchung von erzählter Lautstärke vorgelegt. Mit den Mitteln eines großen Datensatzes und einem Computer hat er untersucht, wie laut in Romanen des 19. Jahrhunderts gesprochen wird. Dabei beginnt er mit einer ganz schlichten Unterscheidung. „Kopf ab!“, schrie die Königin – das ist, in „Alice im Wunderland“, laut. Wenn jemand hingegen etwas „sagt“, wäre das eine neutrale Lautstärke, wenn etwas „gewispert“ wird, die denkbar leiseste.

Bei Mord müsste es doch knallen


Aus einem Korpus von englischsprachigen Romanen hat Katsma nun eine Stichprobe von fünfhundert Dialogen gezogen, in denen „sagte“, „versetzte“, „bemerkte“ dominieren, und eine ebenso große Stichprobe, für die „schrie“, „brüllte“ oder „rief“ bezeichnend ist. Dann wurde ermittelt, welche Wörter in lauten Dialogen häufig und welche in neutralen Dialogen selten vorkommen. Die Vermutung, dass es vor allem dann laut zugeht, wenn Wörter wie „Mord“, „Schurke“ oder „widerwärtig“ in der Nähe sind, wurde enttäuscht.

Lautstärke geht offenbar nicht mit Themen einher. Es sei vielmehr, wie Katsma schreibt, „eine grammatische Stimmung“, die aufkomme, wenn es laut wird: Wer brüllt, verwendet keine Adjektive, aber Verben, eher Pronomen als Substantive, eher Fragewörter als Präpositionen. Oft ist sogar die grammatische Struktur entscheidender als das „laute“ Verb, um klarzumachen, dass jemand gerade die Stimme erhebt: „Niemals!“, sagte er. „Niemals! So wahr mir Er helfe, der alle Dinge sieht, nein, niemals!“ Hier zeigen sich die Grenzen einer bloßen Wortsuche.

Generell ist die Abfolge eines imperativen Verbs und „mir“ oder „mich“ ein Indikator von Lautstärke: Sag mir, lass mich, fordere mich nicht heraus, rette mich! Während in Nationalhymnen „wir“ ein Lautstärkesignal ist, kommt dieses Pronomen in Romanen ausschließlich bei neutraler Rede vor. Laut sind hier Individuen, nicht Gruppen. Laut wird es auch nach rhetorischen Fragen: Was hast du getan? Wie konntest du nur?

Nur ein Fürst Myschkin wird nie laut


Wozu dienen diese linguistischen Beobachtungen? Katsma hat das Profil des ersten Buches von Dostojewskijs „Der Idiot“ angelegt, in dem über sechzehn Kapitel hinweg – zweihundert Seiten, vier bis fünf Lesestunden also – die Lautstärke der Dialoge in einem langsamen Crescendo anwächst, dann zurückgeht, dann wieder anwächst. Jeder starke Rückgang der Lautstärke ist dabei mit einem Orts- und Szenenwechsel verbunden. Während das Crescendo von „sagte“ über „stimmte herzlich zu“ und „erwiderte scharf“ bis zu „schrie“ führt, nehmen zugleich mit den lauten gegenüber den neutralen auch die leisen Töne zu. Je lauter in diesem Roman also gesprochen wird, desto größer sind die Ausschläge der Lautstärke nach oben und nach unten. Bewirkt werden sie von vielen Personen des Romans, nur von einer nicht, dem Titelhelden Fürst Myschkin, der durchgängig in neutraler Lautstärke bleibt.

Doch die „digital humanities“, für deren Möglichkeiten Kastmas Auswertungen ein Beispiel sind, führen nicht nur zu Stil- und Technikanalysen einzelner Autoren. Katsma hat über das gesamte 19. Jahrhundert hinweg auch einen auffälligen Rückgang der „lauten“ Verben berechnet. Von 1800 bis 1810 sind 19 Prozent aller Verben, die die Lautstärke einer Äußerung bezeichnen, laut. Von 1890 bis 1900 sind es nur noch sechs Prozent. Während „sagte“ zu Beginn des Jahrhunderts bloß die Hälfte aller Sprechakte charakterisierte, wird an seinem Ende in 85 Prozent aller Fälle etwas „gesagt“. In George Eliots „Middlemarch“ (1874) stehen 21 lautstarken Verben 1840 Fälle von „sagte“ gegenüber, und kein einziges Mal heißt es „sagte sie/er laut“.

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Passion wird durch gedämpfte Emotion verdrängt, die Romane werden ruhiger, der Geist der Erzählung wird – jedenfalls in England und im 19. Jahrhundert – immer neutraler. „Das ist doch mal ein Ergebnis!“, rufen wir der Literaturwissenschaft zu.


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Zuletzt von Xhex am 04.08.15 21:26 bearbeitet; insgesamt 2-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: Wie laut sind Romane?   04.08.15 21:17

Sehr kurzweilig zu lesen. Aber mal ehrlich: Ist das heutige Literaturwissenschaft? Ich mag es kaum glauben.

Da fragt man sich doch: Was wollte uns der Literaturwissenschaftler damit sagen?
Wie kommt man bloß auf solche Themen - und wie wollte man das für das folgende Jahrhundert jemals herausfinden? So viel kann doch niemand lesen. Und inwieweit ist die Auswahl der Autoren repräsentativ, um eine derartige quantitative Aussage zu treffen.
Ist das ein Streich von jemandem, der uns hier pseudowissenschaftlich verar... wollte.
Oder meinte das etwas jemand ernst?
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Xhex
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BeitragThema: Re: Wie laut sind Romane?   04.08.15 22:58


Also ein Streich war dieser Artikel von der FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) bestimmt nicht. Den Link zu diesem Artikel habe ich als Quelle auch aufgeführt gehabt, kann ihn hier aber gerne nochmal mit einstellen.

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BeitragThema: Re: Wie laut sind Romane?   04.08.15 23:04

Ich habe deine Quelle nicht angezweifelt - aber mal ehrlich - solche Gedanken kann man doch haben, oder?
Die Sinnhaftigkeit solcher Forschung erschließt sich mir nicht so ganz.
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Wolfsspur
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BeitragThema: Re: Wie laut sind Romane?   05.08.15 20:42

Naja, man muss eben halt seine Diplomarbeit schreiben ...
Und es ist doch interessant, inwieweit das benutzen von von bestimmten Worten von der Mode abhängig ist. Dort begann also der Siegeszug des "sagte" von dem heute ja auch einige "Gutschreiber" behaupten, man solle kein anderes Wort benutzen, sondern alles in den Dialog legen.
Und gelesen hat er sicherlich nicht alle, das zählen übernimmt sicher der Computer. Kann man dann auch bei sich selbst mal schauen, wie oft man sagte verwendet mr.green
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BeitragThema: Re: Wie laut sind Romane?   05.08.15 21:07

Ja, früher war eben alles besser, auch die Themen für die Diplomarbeit in Literaturwissenschaft ...

Ich achte bei meinen eigenen Texten sehr darauf, diese Sätze um die wörtliche Rede herum nicht zu eintönig zu gestalten.
Manchmal muss man aber einfach die Kirche im Dorf lassen und kann es auch bei "sagte" belassen.

Eine Sagte-Zählung - auch mal eine Idee.

An sich ist das ja wirklich nicht uninteressant, nur scheint mir das Material nicht wirklich aussagekräftig - aber ich muss das ja auch nicht bewerten.
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Chewi



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BeitragThema: Re: Wie laut sind Romane?   05.08.15 21:55

Auf jeden Fall interessant. Wobei es spannender wäre, zu erfahren woran dieser Wandel liegen könnte: Waren die Autoren damals leidenschaftlicher? War Rumbrüllen - salopp gesagt - gesellschaflich akzeptierter als heute? Gibt es einen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Figuren oder den Rollen der Figuren?
Was ich aus meinen eigenen Beobachtungen sagen kann (die so umfassend jetzt auch nicht sind), ist, dass im (amerikanischen) Englisch "said" gefühlt etwas öfter genutzt wird, als im Deutschen "sagte". Was die nächste Frage aufwirft: Gibt es Unterschiede in den verschiedenen Sprachen? In der Untersuchung ging es ja "nur" um englischsprachige Literatur.

Persönlich gebe ich mir Mühe, etwas anderes zu schreiben als "Es sagte:" oder ",sagte es.". Wenn mir gerade nichts gescheites einfällt, nehme ich "sagte" und betrachte das so'n bissel als universellen Platzhalter für andere Begriffe im Zuge der Überarbeitung.
Davon abgesehen ging es ja nicht nur um "sagen" an sich, sondern um Lautstärke neutrale Wörter, wie "stelle fest", "merkte an" und weiß der Geier was sonst noch alles. Da wäre dann also die Tendenz erkennbar, dass Figuren von ihrer Tonlage her allgemein "genormter" zu werden scheinen und weniger zu Extremen, wie laut und leise, neigen. Ich würde mal ungeprüft die These in den Raum stellen, dass die Ausdruckweise der Figuren möglicherweise auch das Umfeld und die Kultur des Autors widerspiegeln, hinsichtlich dessen, was gesellschaftlich akzeptiert und erwünscht ist. Heuzutage werden besonders laute oder sehr leise Menschen in Gesprächen oft als störend oder auch gar nicht wahrgenommen. "Wer schreit, hat unrecht", sagen viele Leute gerne und ich habe auch schon erlebt, dass so ein Spruch rausgehaun wird, um einem leidenschaftlichen Redner über den Mund zu fahren, damit man eine Ausrede hat, sich nicht weiter mit dessen Agumenten beschäftugen zu müssen. Wer kompetent wirken will, bleibt ruhig und nüchtern, beherrscht seine Emotionen. Warum sollte das bei Figuren in zeitgenössischer Literatur anders sein?

Sieht auf dem ersten Blick schon etwas nach "unnützem Wissen" aus und man kann auch ruhig die Wissenschaftlichkeit des Ganzen in Frage stellen. Ich finde, man hätte sich bei diesem Thema auch mit den Ursachen dieses Phänomens beschäftigen können.
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BeitragThema: Re: Wie laut sind Romane?   05.08.15 22:02

Interessanter Gedanke, nach den Motiven für die Lautstärke zu fragen: Leidenschaft oder Unbeherrschtheit - da liegen Welten dazwischen und ich stelle mal die gewagte These in den Raum, dass es zu vielen Zeiten sowohl das eine als auch das andere gegeben hat - je nach Genre.
Bei der Flut von Büchern, die es heute gibt, findet man Belege für alles, es kommt nur darauf an, wo man sucht.
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Wolfsspur
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BeitragThema: Re: Wie laut sind Romane?   05.08.15 23:13

Ich nehme mal an (zu faul das nun zu recherchieren rotwerden ), es gab da die selbe Entwicklung wie in der deutschen Literatur? Also vom Sturm und Drang, Klassik, Romantik, die ja sehr emotional waren hin zum Biedermeier und Realismus, der sich sehr zurücknahm in den Gefühlen.
Und klar schlägt sich die Gesellschaftliche Entwicklung in der Literatur wieder und da konkret am Gebrauch der Worte und dem Gestus der Figuren. Und gerade wie man etwas sagt, greift doch tief in die Figurenzeichnung und Handlung ein, ohne dass man sich direkt mit dem Inhalt befassen muss. Ich find das schon recht spannend wie sich die inquit Formeln im Laufe der Zeit geändert haben und sicherlich immer noch im Wandel sind und ganz sicher ist das auch ein genrespezifisches Phänomen. Schade, dass man nicht an seine Software rankommt.


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