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 Frühstück bei Ruby - Szene

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Xhex
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BeitragThema: Frühstück bei Ruby - Szene   23.06.15 13:10


Heute morgen ist mir diese Szene aus meinen Hunters in den Kopf gekommen und ich bin furchtbar neugierig geworden, was andere Schreiberlinge aus dieser Szene machen könne oder würden. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, einfach nochmal eine zweite Szene für euch ins Rennen zu werfen. Ich wünsche euch viel Spaß und bin auf die Ergebnisse natürlich riesig gespannt.


Frühstück bei Ruby

Michael parkte den Jeep neben Rubys altem, hellblauem Ford Transporter, der sicher ebenso viele Beulen wie Jahre auf dem Buckel hatte, stieg aus und atmete tief die frische Oktoberluft ein. Aus dem Gehege, welches an das Bauernhaus aus grauem Natur- und rotem Backstein grenzte, drang das Gackern der Hühner zu ihm herüber. Alles wie immer – mit Ausnahme der Herbstblumen in den Fensterkästen. Die Astern, Dahlien und Chrysanthemen begannen langsam zu verblühen.
Ruby empfing ihn mit tadelnder Miene und in die Hüften gestemmten Hände an der geöffneten Haustür. Nur die Freude, die in ihren blauen Augen aufblitzte, verriet, dass sie längst nicht so empört war, wie sie ihn glauben lassen wollte. »Das wird auch Zeit, mein Junge«, empfing sie ihn grummelnd.
»Ich gelobe Besserung«, versprach er, und küsste sie zur Begrüßung auf die Stirn.
Mit einem Schnauben drehte sie sich herum und ging in die Wohnküche. Sie hatte den Kachelofen angeworfen und das knisternde Feuer verströmte den vertrauten, wohligen Geruch von Ebereschenholz. Michael begann zu schmunzeln. Niemand wusste besser als Ruby, dass man mit diesem Feuer weder Dämonen noch böse Geister vom Haus fernhalten konnte. Trotzdem hielt sie an dem Jahrhundert alten Aberglauben fest. 'Millionen von Iren können nicht irren', pflegte sie dann immer in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete, fest.
»Setz dich und ess, bevor die Eier völlig kalt sind«, befahl sie.
Widerspruch zwecklos. Michael ging zum Bauerntisch, auf dem schon ein Teller, eine Tasse und Besteck auf ihren Einsatz warteten. Er schob den Stuhl zurück, setzte sich und beobachtete, wie Ruby die Pfanne vom Gasherd nahm, zu ihm herüber kam und eine Portion Eier mit Speck auf den Teller füllte, die für eine ganze Kompanie ausgereicht hätte. Sie ging zurück, stellte die Pfanne ab und als sie die Teekanne holte, sah Michael, dass sich aus ihrem Dutt, eine kleine, graue Strähne gelöst hatte. Und das verdeutlichte ihm auf schmerzliche Weise, wie sehr sein Anruf sie beunruhigt hatte. Bei Ruby musste sonst alles seine Ordnung haben. Ausreden wurden niemals akzeptiert.
Sie kam zurück an den Tisch und schenkte ihm etwas von dem dampfenden Salbeitee ein. Kaffee wäre ihm jetzt deutlich lieber gewesen, aber er wusste, dass Ruby von dieser Koffeinbrühe – wie sie zu sagen pflegte – nichts hielt und es ihr im Traum nicht einfallen würde, auch nur einen Krümel davon in ihrem Haus zu haben. Im Traum, na da war er ja schon direkt beim Thema.
Ruby setzte sich ihm gegenüber und sah ihn erwartungsvoll an. »Dann erzähl mir mal, was es mit deinem Traum auf sich hat.«
Wie beginnen? Er verschaffte sich etwas Zeit, indem eine Gabel voll Rührei mit einem Streifen Speck aß. Himmlisch.
»Also? Ich höre.«
Er ließ die Gabel sinken und blickte über den Tisch hinweg zu Ruby. »Einen Traum dieser Art hatte ich noch nie«, begann er stockend. »Es … es fühlte sich gar nicht wie ein Traum an, sondern war total realistisch.« Die Bilder von letzter Nacht jagten durch seinen Schädel. Der Nebel, der Regen, der plötzliche Trampelpfad, der wie aus dem Nichts vor ihm aufgetaucht war, diese Stimme der Frau, die seinen Namen gerufen hatte, wie sie Blut geweint hatte, der See, ihr nasses Haar … Michael schüttelte den Kopf. Nein, nichts davon war realistisch – bei weitem nicht. Und trotzdem …
Ruby beugte sich über den Tisch und ergriff seine Hand. »Michael, lass dich nicht von den Eindrücken beherrschen, benutze deinen klaren Verstand.«
Er versuchte zu lächeln - was gründlich misslang. »Entschuldige …« Michael atmete tief durch, sammelte sich, dann versuchte er, alle Gefühle, die der Traum in ihm ausgelöst hatte, beiseite zu schieben und sich auf die Fakten zu konzentrieren. »Es war kein Ort, den ich kenne. Ich bezweifle sogar, dass er hier überhaupt existent ist.«
»Sondern in der Anderswelt?«, hakte Ruby nach.
Er legte die Stirn in Falten. »Ja, könnte sein.«
»Weiter.«
»Die Frau, das Mädchen – sie ist, sie war definitiv kein Mensch. Ihre Haut war totenbleich. Helles, langes Haar, das ihr in nassen Strähnen über die Schultern fiel. Sie weinte Blut. Ihr Kleid war weiß. Sie stand am See, kannte meinen Namen und rief mich, ohne die Lippen zu bewegen.«
Ruby betrachtete ihn mit Sorge, ihre Gesichtszüge wirkten angespannt und ihre Finger fühlten sich plötzlich eisig an, als sie seine Hand drückte. »Und das alles verrät dir was?«, forderte sie ihn mit belegter Stimme auf.
Michaels Herz begann schneller zu schlagen, sein Blick schnellte zu Ruby. Sie war ganz blass geworden, in ihren nass glänzenden Augen las er tiefe Besorgnis. Nein … unmöglich. Oder doch? »Banshee«, kam es ihm rau über die Lippen.
Ruby brauchte seinen Verdacht nicht zu bestätigen, er wusste plötzlich, dass es so war. Er hatte es von Anfang an gewusst und es nicht wahrhaben wollen. Denn das bedeutete: Irgendjemand aus seiner Familie befand sich in absolut realer tödlicher Gefahr! Verdammte Scheiße!

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Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Kunst und Wissenschaft steht. Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen. ~ Albert Einstein.
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Cyra
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BeitragThema: Re: Frühstück bei Ruby - Szene   25.10.15 2:18

Okay, ich hab einfach drauf los geschrieben. Gedanken une Gefühle, die ich dabei hatte, findet ihr im KommiThread.
Gott, es war so schwer. Ich hoffe, es gefällt.



Frühstück bei Ruby - Cyra-Style


Mit knatterndem Motor stellte Michael seinen treuen alten Transporter ein paar Meter von Rubys Haus entfernt ab und gönnte sich einige Sekunden Auszeit, die Sicht zu bewundern. Es war bloß ein altes Bauernhaus, eigentlich keine Besonderheit, aber es waren die Erinnerungen, die dieses Haus zu einem der schönsten Orte Irlands machten. Ein Zuhause.
Ungeduldig trommelte er mit den Fingern auf das Lenkrad. Während der Fahrt hatte er das Gespräch Revue passieren lassen und momentan schien es lächerlich, sie für einen albernen Traum in solch eine Hektik zu versetzen. Seine Ruby war auch nicht mehr die Jüngste. Lass sie das bloß nicht hören O’Hara.
Es nützte alles nichts, jetzt war sie schon aufgescheucht wie eins der Hühner in ihrem Gehege und er war hier. Viel zu lange nicht mehr gewesen. Es war eh wieder Zeit, sie zu besuchen.
Er öffnete knarrend die Tür seines geliebten hellblauen Fords und schritt langsam über die ordentliche Wiese auf das rote Backsteinhaus zu. Ein leichtes Lächeln schlich sich auf sein Gesicht, als er das laubfreie Gras besah. Als würden die Bäume sich nicht einmal trauen, ihren Kompost auf Rubys Grundstück zu hinterlassen. Als wüssten sie, was sie von Ordnung hielt.
Gedankenverloren strich er kurz über die verblühenden Herbstblumen in den Blumenkästen auf den Fensterbänken, während er die frische Herbstluft genoss, als eine vertraute – und nicht ganz so ernst klingende, wie wohl gewollte – Stimme ihn ins hier und jetzt katapultieren.
„Michael O’Hara, du rufst mich beinahe mitten in der Nacht in panisch und jetzt muss ich nicht nur auf dich warten, sondern darf dir auch noch dabei zusehen, wie du versuchst die Blumen per Handauflegen wiederzubeleben?“
Michael lachte hörbar auf, gab ihr einen liebvollen Kuss auf die Stirn und strich ihre eine graue Strähne aus dem Gesicht, die sich gelöst hatte. „Ich bewundere nur deinen grünen Daumen.
„Und auch noch frech werden.“ Sie schüttelte den Kopf, winkte ihn dann aber rein und lief gleich weiter in die Wohnküche.
Im Kachelofen knistere ein warmes Feuer, das die Gemütlichkeit dieses mit Erinnerungen gefüllten Hauses nur verdoppelte. Der vertraute Geruch von Ebereschenholz ließ Michael erneut schmunzeln, während er sich an den gedeckten Tisch setzte. Trotz der herrgottsfrühe versorgte sie ihn immer noch.
Eberesche. Als wüsste Ruby nicht, dass ihr Ruf zur Vertreibung von Dämonen und böse Geistern nur ein Mythos wäre. Aber Tradition ist Tradition, und Tradition ist Ruby.
Wie aufs Stichwort drehte sie sich ihm mit einer großen, dampfenden Pfanne in der Hand zu. Der Geruch von Eiern und Speck vermischte sich mit der Eberesche und er merkte erst jetzt, wie hungrig er eigentlich war.
Ruby schippte ihm eine ordentliche Portion auf, von der mindestens das Dreifache noch in der Pfanne zurückblieb.
„Hast du vor mich aus Strafe zu mästen?“
„Mein Lieber, wir wissen beide, dass die übertrieben Zufuhr an Nahrung für dich weniger Strafe, als Himmelsgeschenk wäre. Und jetzt iss, bevor es kalt wird.“
Dem konnte – und wollte – er nicht widersprechen und so griff er zur Gabel, um sich beherzt einen Bissen zu nehmen. Wunderbar. Es gab nichts Besseres, als Essen von Ruby.
„So.“ Sie setzte sich neben ihn an den Tisch und schenkte ihm eine heiße Tasse Tee ein. Dem Geruch zu Folge Salbei. „Und du brauchst gar nicht zu fragen, dein Teufelsgebräu betritt mein Haus in keinem Zustand. Trink deinen Tee, das tut dir gut.“
Sie stellte die Kanne vorsichtig auf einen gehäkelten Untersetzer und blickte ihm dann ernst in die Augen.
„Bitte. Ich höre.“
Ja, sie hörte. Es war immerhin er gewesen, der sie panisch wie ein Kleinkind angerufen hatte, weil er einen Albtraum gehabt hatte. Ein Albtraum? Nicht wirklich. Er wusste es einfach. Das war kein Traum, zumindest kein Gewöhnlicher. Es war so … real gewesen. Noch immer spürte er die Kälte der Regentropfen auf seiner Haut und hörte das schrille Schluchzen der jungen Frau.
„Dieser Traum, Ruby, er war … anders." Er rang nach den richtigen Worten. Wie sollte er das bloß beschreiben?  „Es war beinahe real.“ Der Nebel, der ihm die Sicht verschleierte, Regen, der auf seine Haut auftraf, ihn durchnässte und bis auf die Knochen zu fallen schien. Ein Pfad, sich windend durch den Nebel, und ein See. Ein See mit einer Frau, schluchzend, weinend. Blut weinend. Surreal, aber kein Traum.
„Die ganze Stimmung war so merkwürdig. Ich fühlte mich, als wäre ich wirklich da, und es war kein Ort den ich jemals gesehen habe. Ich glaube nicht einmal, dass es ein Ort ist, der hier existiert.“
Ruby hatte aufmerksam zugehört, schien ihn zu verstehen. „Du meinst, es war in der Anderswelt?“ Ihre Stimme klang ernst und aufgeschlossen. Sie würde sich niemals über so etwas lustig machen.
Er nickte. „Ich glaube schon. Die ganze Stimmung, die Umgebung. Die junge Frau, wie sie da am See kniete. Sie hat Blut geweint, ihr Haar war strähnig, nass, vielleicht vom See. Ihr weißes Kleid hing schlaff von ihrem dünnen Körpern und sie selbst war … totenblass.“
Mit zitternden Händen griff Ruby nach ihrer Tasse und trank einen Schluck. Es ging ihr nah, das sah er. Und es beunruhigte ihn. Ruby war tough, stark, von nichts aus der Ruhe zu bringen, außer vielleicht von Unordnung in ihrem Haus.
Als sie die Tasse wieder abstellte, sah sie ihn eindringlich an. Ihre Augen wirkten groß in dem blassen Gesicht, sprachen von Sorge und …. Angst? „Und was sagt dir dein Traum? Was sagt dir dein Gefühl, dein Wissen?“
Er musste schlucken, hörte seinen Puls im Kopf pochen. Vorsichtig legte er die Gabel ab und kniff sich mit Daumen und Zeigefinger in den Nasenrücken. Kann es sein? Es kann. Aber es darf nicht…
„Banshee.“ Flüsterte er nur und schaute vorsichtig zu Ruby. Ihre zusammengepressten Lippen bestätigten seine Vermutung.
Das war schlecht. Sehr schlecht. Aber er wusste, er hatte Recht. Er hatte es von Anfang an gewusst, aber nicht wahrhaben wollen. Denn eine Banshee kam nur zur Übermittlung einer Nachricht: Jemand aus seiner Familie befand sich in tödlicher Gefahr. Verdammte Scheiße!

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We stopped checking for monsters under our bed when we realized they were inside us!
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